Ist das die Befreiung?
In höchster Anspannung starrten wir den Feldweg entlang, der zur Straße führte. Wer würde zuerst kommen, die Polen aus einem der vielen Arbeitslager rings um Kassel und Fritzlar oder die Amerikaner? Würde man das Haus stürmen, es gar beschießen, oder würde die Besetzung viel harmloser vor sich gehen?
Die drei Frauen bejammerten den Rückzug der deutschen Truppen an allen Fronten und nannten ihn ein großes Unglück. Ich dagegen freute mich, schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, über jede deutsche Niederlage und jede Rückzugsmeldung im Radio.
In einem Waldstück auf der anderen Seite der Landstraße, etwa einen Kilometer von uns entfernt, begann plötzlich eine wilde Knallerei. Panzerfahrzeuge jagten die Straße entlang und schössen in den Wald. Ich konnte deutlich die Mündungsfeuer sehen. Aus dem Wald wurde zurückgeschossen. Es hörte sich an wie Peitschenknallen. Das alles dauerte vielleicht fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten. Dann war wieder Ruhe. Nur ab und zu fiel noch ein vereinzelter Schuß.
Und dann kamen sie! Endlich! Zwei Jeeps ratterten den Feldweg hoch, eine breite Staubfahne hinter sich herziehend.
So sehr ich vor diesem ersten Zusammentreffen mit amerikanischen Frontsoldaten zitterte, sie waren mir in dieser Stunde doch lieber als die befreiten Polen.
Wie vereinbart gingen wir alle nach draußen, die drei Frauen und wir zwei ehemaligen Soldaten, der Möbelfabrikantensohn als letzter. Justus Mohl hatte es vorgezogen, die Besetzung durch die Amerikaner bei seiner Frau in Heimarshausen abzuwarten.
Das Gattertor stand weit auf, doch die beiden Jeeps fuhren nicht auf das eingezäunte Gelände. In einem größeren Abstand vor dem Tor hielten sie. Sechs Soldaten in voller Kriegsmontur, mit Maschinenpistolen im Anschlag, sprangen von den Fahrzeugen. Nur die beiden Fahrer, zwei Schwarze, blieben bei laufendem Motor in den Jeeps sitzen. Langsam und nach allen Seiten spähend, als erwarteten sie jeden Augenblick einen Angriff, näherten sich die Amerikaner der Einfahrt. Dann blieben sie in einer Reihe stehen, die Waffen auf uns fünf Deutsche gerichtet, die wir etwa dreißig Meter entfernt am Haus standen.
»Hands up!« schrie ein Amerikaner. Wir hoben unsere Arme.
»Come on!« schrie ein anderer und deutete mit seiner Maschinenpistole auf mich.
Ich wunderte mich nicht, daß der Amerikaner mit den drei Winkeln am Ärmel auf mich deutete, ich hatte es so erwartet. Wen sollte er sonst herbeiholen? Etwa den Möbelfabrikantensohn? Der hatte mir schon immer den Vortritt gelassen, solange wir zusammen waren. Darum war es nur folgerichtig, daß der Amerikaner auf mich deutete. Gebannt starrte ich auf die Mündungsöffnung der Maschinenpistole, mit der er mich herbeiwinkte.
Noch einmal schrie er: »Come on!«
Langsam, mit erhobenen Händen, ging ich auf die Soldaten zu.
Erinnerst du dich, Mama, wir oft wir in der kleinen Wohnstube im Hinterhaus der Kaiserhofstraße zusammengesessen und davon geträumt haben, wann und wie einmal unsere Todesängste von uns genommen würden, wie wir überlegten, ob Russen, Engländer oder Amerikaner als erste nach Frankfurt kämen, um uns das Leben wiederzugeben. Und Alex malte mit Worten und Gesten aus, wie man uns befreien würde. Er konnte es am besten. Eine seiner Visionen war, sie würden, wild um sich schießend, mit einem Panzerfahrzeug in die Toreinfahrt preschen, die schweren Torflügel zerschmettern, weil sie keine Zeit hatten, sie jetzt noch zu entriegeln und zu öffnen, und dann in den Hinterhof fahren, wo die Handkarren vom Käs-Petri stehen. Mit einer kurzen Drehbewegung würde Kleinholz daraus. Doch das machten sie nur so zum Spaß. Dann würde sich die Luke öffnen, ein russischer, englischer oder amerikanischer Stahlhelm erscheinen und eine laute Stimme würde uns zurufen: »He, ihr da oben, kommt heraus! Ihr braucht keine Angst mehr zu haben, es gibt keine Nazis mehr! Habt ihr verstanden! Kommt heraus, euch kann nichts mehr passieren!«
Eine schöne Vision, doch du, Mama, warst strikt dagegen, daß Panzer auf den Hinterhof kämen, wegen des scheußlichen Lärms der Panzerketten, und schon gar nicht, wenn sie wild um sich schössen. Vom Kleinholzmachen der Käs-Petri-Karren hieltest du auch nichts. Wenn es nach dir gegangen wäre, würden mehrere Soldaten in den Hof stürmen, am besten ohne Knallerei, und einer käme die Hinterhaustreppe hoch, denn er hätte längst gewußt, wo wir zu finden sind. Dann hätte er an die Tür geklopft, einmal, zweimal, und gerufen: »Macht auf! Warum versteckt ihr euch noch?« Aber Alex war da anderer Meinung: wenn sie schon zu Fuß kämen und einer stürmte die Treppe hoch, dann sollte er zumindest nicht höflich anklopfen und fragen, ob wir zu Hause seien. Das wäre doch keine Befreiung! Nein, nein, das dürfte nur so vor sich gehen: Bevor wir noch die Türe öffnen konnten, hätte er sie mit seinen schweren Stiefeln eingetreten und uns zugerufen: »Ihr seid frei! Geht hinaus, wohin ihr wollt! Geht schon!« Und wer er auch sein würde, dieser erste, ein russischer Iwan, ein französischer Poilu, ein englischer Tommy oder ein amerikanischer Gl, in unser aller Umarmung sollte ihm die Luft wegbleiben, unsere Tränen sollten ihn nässen, unsere Küsse ihn bedecken.
Dabei kamen uns wirklich die Tränen, so überwältigte uns die Vorstellung vom Tag der Befreiung und die Hoffnung, diesen Tag vielleicht doch noch einmal zu erleben.
Mama, du wußtest, daß dein Herz nicht mehr lange durchhalten würde, du hast dir nichts vorgemacht; du hattest die Kraft, auch darüber zu sprechen, und hast die Träume von der Befreiung mitgeträumt. »Wenn ich es schon nicht erleben werde«, sagtest du mit trauriger Stimme und versuchtest zu lächeln, »dann will ich wenigstens noch einmal davon träumen.«
Und Alex wurde nicht müde, immer neue Befreiungsträume zu erdichten. Für mich der schönste war, wenn wir uns vorstellen mußten, wie alle Bewohner unseres Hauses und unserer Straße vor den anrückenden Amerikanern oder Russen flüchten würden. Wir aber blieben da. Und wenn sie dann kämen, stürzten wir auf die Straße und würden rufen: »Wir sind gerettet, wir sind frei!«
Und die fremden Soldaten würden erstaunt fragen: »Warum seid ihr gerettet? Wer seid ihr?«
Wir würden antworten: »Wir sind Juden!«
Sie würden fragen: »Was seid ihr?«
Und noch mal würden wir sagen: »Wir sind Juden!«
»Das müßt ihr lauter sagen!« würden sie uns befehlen.
Und wir würden rufen: »Wir sind Juden!«
»Noch lauter!«
Und dann nähmen wir die Hände wie Trichter an den Mund und schrien in alle Richtungen so lange, bis wir heiser wären:
»Wir sind Juden! Wir sind Juden! Wir sind gerettet!« Und auf der Straße würden wir tanzen, du, Mama, Papa, Paula, Alex und ich, bis wir vor Erschöpfung umfielen.
Nun waren die Befreier da.
Aber war das die Befreiung? Eine entsicherte Maschinenpistole auf meinen Bauch gerichtet? Der sie auf mich richtete, meinte es verflucht ernst. Was interessierte es ihn in diesem Augenblick, ob ich Jude oder Christ bin - er war als Sieger gekommen, wir waren die Besiegten, und ich gehörte dazu. Ja, ich fühlte mich auch so. Sollte das die Befreiung sein? Unsere Tagträume im Familienkreis waren umsonst geträumt. Keine Umarmungen, keine Küsse, keine Freudentränen, keine Rufe, keine Tänze. Ich mußte weiterlügen, weiterzittern.
Wer mir einmal gesagt haben würde, so sähe die Befreiung aus, den hätte ich einen Lügner genannt oder ihn für verrückt erklärt. Und wenn ich zehntausend Möglichkeiten in Erwägung gezogen hätte, diese eine in der Jagdhausgesellschaft von Heimarshausen wäre mir bei aller Phantasie nicht eingefallen.
Mit erhobenen Händen ging ich langsam auf die amerikanischen Soldaten zu. An einen von ihnen erinnere ich mich noch sehr genau: Er war einen Kopf kleiner als die andern und hatte eine Hasenscharte. Er fuchtelte besonders gefährlich mit seiner Maschinenpistole vor mir herum. Ich zitterte vor Angst, er könne aus Versehen abdrücken.
»Bist du deutscher Soldat?« fragte der erste Amerikaner.
»Nein.« Ich zog meinen Paß aus dem Jackett.
»Was ist das?«
»Ein Fremdenpaß«, sagte ich auf englisch. »Ich bin kein Deutscher.« Dabei zeigte ich auf die in französischer Sprache eingedruckte Zeile »Passeport pour etrangers«.
Ein Glück für mich, daß der Amerikaner offenbar das Französisch-Gedruckte verstand. Nur mit dem »Staatenlos« wußte er nichts anzufangen, fragte aber nicht weiter, als ich ihm erklärte, meine Eltern seien aus Rußland gekommen.
Dann fragte er nach dem anderen Soldaten und gab sich glücklicherweise damit zufrieden, als ich ihm versicherte, der andere sei Zivilist, herzkrank und habe ein Attest, daß er zu krank für die Soldaten sei.
»Niemand mehr im Haus?« wollte er wissen.
»Niemand.«
Ein Amerikaner tastete mich und den anderen nach Waffen ab. Danach gab der Anführer der Truppe Anweisung, daß ein Soldat bei den Zivilisten draußen bleiben solle, während ich mit den übrigen fünf ins Haus gehen mußte. Sie durchsuchten ein Zimmer nach dem andern, ich immer voraus, öffneten jede Kammer und jeden Schrank. Der mit der Hasenscharte war dabei der eifrigste.
»Keine Waffen im Haus?« fragte einer.
»Nein«, gab ich zur Antwort.
Wir kamen in die Küche.
»Kein Schnaps?«
Ich ging in das danebenliegende Wohnzimmer, nahm aus dem Buffett eine angebrochene Cognacflasche und eine Flasche Wein heraus und reichte sie dem Soldaten.
»Das ist alles?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, das ist alles.«
»Nach unten!« befahl der Truppführer.
Auf ebener Erde neben der Garage waren noch andere Räume, zu denen ich bisher keinen Zutritt gehabt hatte. Ich mußte sie öffnen und draußen stehen bleiben. Die Soldaten durchsuchten sie. Mir war nicht ganz wohl dabei. Denn nach acht Tagen Zusammenleben mit den Frauen traute ich ihnen alles zu. Doch in dem Raum befand sich nichts als Gerumpel. Ich konnte aufatmen. Wir gingen nach draußen, nur ein Soldat blieb etwas zurück und schnüffelte noch ein bißchen in den Ecken herum.
Plötzlich stieß er einen Pfiff aus. Erschrocken drehte ich mich um. Irgendwo im Hintergrund hatte er eine Tür entdeckt, die zu einem winzigen Raum führte. Im Schein einer Taschenlampe erkannte ich, daß der Raum wie ein Luftschacht aussah und leer war. Der Soldat gab sich jedoch nicht zufrieden. Er hatte Erfahrung mit solchen scheinbar leeren Räumen, klopfte mit seiner Waffe gegen die Wände und stieß mit dem Fuß gegen den Boden. Und da klang es hohl. Jetzt konnte man auch sehen, daß der Boden nur mit einer hölzernen Abdeckplatte belegt war. Der Amerikaner hob sie auf, sie war nur leicht aufgelegt. Was ich im Lichtkegel einer Taschenlampe erkennen konnte, lähmte mich vor Schreck: Ein ganzes Lager mit Lebensmitteln in Kisten, Büchsen und Gläsern war dort gestapelt, unter anderem auch eine Kiste mit Wein und Cognac. Der Soldat sprang hinunter und reichte einen Teil der Lebensmittel und alle Spirituosen heraus. Derweil faßte mich ein anderer vorn am Jackett, schlug mich mehrere Male mit Wucht gegen den eisernen Türrahmen und schrie:
»Kein Schnaps im Haus? Was? Kein Schnaps?«
Er war wütend, weil er glaubte, ich habe ihnen den Schnaps vorenthalten wollen. Mit dem Knie stieß er mich in den Bauch und wieder schlug er mich mit dem Kopf gegen den Rahmen. Der Kleine mit der Hasenscharte richtete, wie um meine Gegenwehr zu verhindern, seine Maschinenpistole auf mich und trat mir fest gegen das Schienbein. Es tat fürchterlich weh.
Der schlägt mich tot, zuckte es mir durch den Kopf. Ich sackte zusammen. Da ließ er von mir ab. Mit einem gezischten »Fuckin' German!« stieß er mich zu Boden. Der Kleine trat mir noch mit der Fußspitze in die Nierengegend, daß ich laut aufschrie. Danach kümmerte sich keiner mehr um mich.
Mit Schmerzen im Kopf und im Rücken taumelte ich nach draußen, vorbei an den drei Frauen und dem Möbelfabrikantensohn, die in der geöffneten Garageneinfahrt standen. Sie hatten die Szene beobachtet.
Die Generalsfrau, die mit den weißen Haaren, faßte mich am Arm und fragte: »Kann ich Ihnen helfen? Sind Sie verletzt?«
Das Blut tropfte mir aus der Nase, ich wischte es mit dem Handrücken ab. Ein Soldat mußte mich mit dem Stiefel oder dem Gewehrkolben am Steißknochen getroffen haben. Das tat am meisten weh. Ich schleppte mich noch bis zur Treppe. Dann verlor ich das Bewußtsein.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Sofa im Wohnzimmer. Jemand hatte mir die Schuhe ausgezogen und eine Decke übergelegt. Frau S. bemühte sich um mich, gab mir zu trinken und legte mir ein feuchtkaltes Tuch auf den Kopf. Die Amerikaner waren bereits abgefahren.
Ich starrte die Decke an und erinnerte mich langsam an das, was geschehen war. In welch eine Situation war ich geraten! Ich hatte nicht gezählt, wie oft ich in den letzten zehn Jahren durch eine seltsame Häufung von Zufällen der Entdeckung und damit dem Tod entkommen war. Und das alles, damit ich jetzt von den Amerikanern totgeschlagen würde, weil die drei Frauen gehortete Lebensmittel und einige Flaschen Schnaps vor ihnen versteckt hatten.
Während ich mir noch den benommenen Schädel hielt und in die Sonne blinzelte, beschloß ich, so schnell wie möglich die Jagdhausgesellschaft zu verlassen.